Teun Toebes

Was passiert, wenn ein 23-jähriger Mensch freiwillig beschließt, in einem Pflegeheim zu leben? Genau diesen Schritt ging Teun Toebes. Der junge Niederländer zog nach seinem Pflegestudium freiwillig in eine geschlossene Demenzstation. Grund genug für uns von context YELLOWS, das Ganze genauer zu betrachten.

Wieso ist Toebes nun in ein Pflegeheim gezogen? Um den Alltag der Bewohner*innen nicht nur als Außenstehender zu beobachten, sondern ihn rund um die Uhr mit ihnen zu teilen. Seine Motivation ist dabei klar: Pflege wirklich verstehen, und zwar aus der Perspektive der Menschen mit Demenz.

Bekannt wurde Toebes durch sein Buch, das weltweit Beachtung fand: „Der Einundzwanzigjährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog und von seinen Mitbewohnern mit Demenz lernte, was Menschlichkeit bedeutet“. Darin beschreibt er eindrücklich, wie sehr sich sein Blick auf Pflege verändert hat, seitdem er nicht mehr nur für die Menschen arbeitet, sondern auch begann mit ihnen zu leben. Vor zwei Jahren hat auch Galileo einen Beitrag über ihn und sein Leben im Pflegeheim produziert. Wer sich dafür interessiert, findet hier den Beitrag.

Im Buch beschreibt er in kurzen Kapiteln und mit scharfer Beobachtungsgabe für sein Umfeld seine Eindrücke und Erfahrungen im Pflegeheim. Die Heimarchitektur, die Hausordnung, Tagesabläufe, all das kommentiert er mit Blick auf den Faktor Menschlichkeit und Würde. Sein Fazit: Zu oft wird über die Bewohner*innen mit Demenz entschieden, als dass mit ihnen geredet wird. Seine These ist, dass ein Pflegeheim anders aussehen würde, wenn die Bewohner*innen ihr Umfeld aktiv mitgestalten dürften.

☀️ Leben statt verwalten ☀️

Toebes’ zentrale Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Pflegekräfte, sondern gegen Strukturen. Er stellt die Frage: Warum organisieren wir Pflegeheime so, dass Sicherheit und Effizienz oft wichtiger erscheinen als Lebensqualität und Selbstbestimmung?

Für ihn sind Menschen mit Demenz nicht in erster Linie Patient*innen, sondern Persönlichkeiten mit Bedürfnissen, Sehnsüchten und einer eigenen Geschichte. Persönlichkeiten, die einen anderen Zugang zur Welt brauchen und nicht abgeschottet unter sich leben sollten. Um diesen Punkt zu illustrieren, findet sich am Ende seines Buches ein Freundschaftsbuch: anhand kurzer Fragen kommen seine Mitbewohner selbst zu Wort.

Mit seinem Einzug durchbrach Toebes bewusst die klassische Rollenverteilung zwischen „Personal“ und „Bewohner*innen“. Er isst mit seinen Mitbewohner*innen, führt Gespräche, erlebt ihre guten und schlechten Tage – ohne Zeitlimit. Diese radikale Nähe ermöglicht ihm Erkenntnisse, die im regulären Pflegealltag verloren gehen können.

Denn das Aufbauen von zwischenmenschlichen Beziehungen braucht Zeit. Die Würde einer Person liegt im Detail und echte Aufmerksamkeit kann mehr bewirken als jede standardisierte Maßnahme. Seine Vision ist klar: Pflege muss wieder stärker vom Menschen gedacht werden und eben nicht vom System. Es geht ihm um eine Kultur des Zuhörens, um Mut zur Nähe und um den Abbau von Angst im Umgang mit Demenz.

💭 Eine Haltung, die Strukturen hinterfragt 💭

Toebes spricht offen darüber, dass viele Einschränkungen im Heimalltag weniger medizinisch notwendig als organisatorisch bedingt sind. Türen werden verschlossen, Abläufe standardisiert, Risiken minimiert. Doch was bedeutet Sicherheit, wenn sie auf Kosten von Freiheit geht?

Seine Arbeit ist ein Plädoyer für mehr Vertrauen in alle Beteiligten. In die Bewohner*innen, die Angehörigen und auch die Pflegekräfte. Dabei romantisiert er Pflege nicht. Er kennt Überlastung, Personalmangel und strukturelle Engpässe. Statt Resignation fordert er jedoch einen Perspektivwechsel: Weg von der Defizitorientierung, hin zur Frage, wie ein gutes Leben mit Demenz aussehen kann.

Eine besondere Rolle können dabei internationale Pflegekräfte spielen. Sie können das Pflegesystem personell entlasten und somit Kapazitäten für mehr Zeit und Aufmerksamkeit schaffen. Darüber hinaus bringen sie unterschiedliche kulturelle Perspektiven auf Fürsorge, Gemeinschaft und Beziehungsgestaltung mit. Diese Vielfalt kann helfen, Pflege neu zu denken und menschlicher zu gestalten – ganz im Sinne von Toebes’ Vision.

Der 23-jährige zeigt, dass Veränderung nicht immer mit großen Reformen beginnen muss. Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft: Gute Pflege beginnt mit der Bereitschaft, wirklich hinzusehen – und zuzuhören, um den Menschen dahinter zu sehen.