„Ich mache immer einen Plan, bevor ich den nächsten Schritt gehe“: Dhia, Pflegefachkraft aus Tunesien

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Dhia, Pflegefachkraft aus Tunesien

„Ich mache immer einen Plan, bevor ich den nächsten Schritt gehe“: Dhia, Pflegefachkraft aus Tunesien

Dhia kommt aus Tunesien und ist 27 Jahre alt. In seiner Heimat hat er als Krankenpfleger unter anderem in der Notaufnahme, auf der Intensivstation und im Coronadienst gearbeitet. Dann ist er mit Hilfe von context YELLOWS nach Deutschland gekommen, um seine Kompetenzen zu erweitern, seine Karrierechancen und seine finanzielle Lage zu verbessern. 

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Wie war Dein Start im Gesundheitswesen in Deutschland?

Die deutsche Sprache war kein Problem für mich. Ich habe mich in Tunesien gut vorbereitet und hatte Nebenjobs in der Tourismusbranche, um besser Deutsch zu lernen. Mein Chef im Hotel hat zwar zweimal zu mir gesagt: „Dhia, Du bist Krankenpfleger, Du solltest Deine Arbeit machen und nicht Deutsch lernen.“ Aber es hat sich ausgezahlt. Ich bin nach der Rekrutierung durch context YELLOWS mit einem B1 Deutschzertifikat eingereist und habe wenig später die B2-Prüfung bestanden, meine Anerkennungsurkunde bekommen und arbeite jetzt als Pflegefachkraft im St. Elisabeth Stift Riedlingen, einer Pflegeeinrichtung. Das war mein Ziel. Ich mache immer einen Plan, bevor ich den nächsten Schritt gehe. Das ist sehr wichtig für mich. 

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Wie gefällt Dir die Stadt Riedlingen in Baden-Württemberg?

Es ist eine Kleinstadt und ein bisschen anders als die Stadt Gafsa in Tunesien mit 85.000 Einwohnern, in der ich gewohnt habe. Aber es gibt hier alles, was man zum täglichen Leben braucht, Supermärkte und so. Für Freizeitunternehmungen muss ich nach Stuttgart oder München fahren, aber das ist okay.

Ich habe hier auch Freunde gefunden, deutsche und internationale. Die interkulturelle Kommunikation ist wichtig. Zwei meiner Kollegen sind auch Tunesier, Walid und Amor. Besonders Walid und ich haben viel zusammen unternommen, uns verschiedene Orte in Deutschland angeschaut und gemeinsam Sport gemacht, um Stress abzubauen. Inzwischen studiert er und muss sich auf Prüfungen vorbereiten und hat daher nicht mehr so viel Zeit.

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Wie erlebst Du die Pflege in Deutschland?

In Tunesien machen wir Pflegefachkräfte mehr medizinische Sachen. Wir haben Aufgaben wie Blut abnehmen, EKGs messen, Katheter legen. Ich war sehr gut in meinem Beruf und vermisse durchaus manchmal diese Aufgaben. Ich war gerade elf Tage im Urlaub in der Heimat und habe mein altes Krankenhaus besucht, da ist mir wieder aufgefallen, wie anders alles ist. 

Mein Chef und die Pflegedienstleiterin und die multikulturellen Teams sind aber wirklich sehr nett. An der Altenpflege in Deutschland gefällt es mir, mit den alten Menschen zu lachen und zu spielen. Zum Beispiel spielen wir am Tisch mit einem Ball. Das macht mir Spaß. In meinem Studium habe ich gelernt, dass Senior*innen nicht nur Pflege, sondern auch moralische Unterstützung brauchen. 

Auch meine Religion sagt, dass man sich um alte Menschen kümmern soll, darum bin ich stolz darauf, dass ich das beruflich tue. Meine Religion und mein Gott liegen mir sehr am Herzen, und zum Glück gibt es in Deutschland religiöse Freiheit. Jeder kann glauben, was er will, und verschiedene Religionen leben zusammen.

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Welche Wünsche für die Zukunft hast Du?

Ich würde mir wünschen, mal mehr Urlaub am Stück nehmen zu dürfen, drei oder vier Wochen. Elf Tage Heimatbesuch sind zu kurz. Man braucht zwei Tage für die Hin- und Rückreise, dann muss man erstmal einen Tag schlafen, weil man müde von der Reise ist, und so bleibt zu wenig Zeit für die Angehörigen. Ich hatte sie immerhin seit sieben Monaten nicht gesehen. 

Allgemein ist es nicht schwer für mich ohne Familie, denn ich habe sowieso alleine gelebt, seit ich studiert habe, und bin viel ausgegangen. Schwierig wird es nur, wenn jemand krank wird, wenn ich weit weg bin. 

Außerdem möchte ich mich weiterbilden und mehr Geld verdienen. Ich kenne Pflegekräfte in Deutschland, die mehr verdienen. Ich schicke jeden Monat Geld nach Hause, um meine kranke Mutter und meinen studierenden Bruder zu unterstützen. Er will Arzt werden und braucht viel Geld für Papier und Bücher. Meine Mutter kann nicht wie die Leute hier in Deutschland ihre Versicherungskarte nehmen und einfach zum Arzt gehen. Sie muss alles selbst bezahlen. Darum lebe ich in einer WG, um Kosten zu sparen. Irgendwann würde ich mir auch gerne alleine eine Wohnung leisten können. Ich habe zwar eigentlich kein Problem, mit anderen Menschen klarzukommen, aber jeder Mensch wünscht sich mehr Freiheit.

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Welchen Tipp hast Du für andere Pflegekräfte aus dem Ausland, die nach Deutschland kommen wollen?

Für die Integration ausländischer Pflegekräfte ist es wichtig, dass sie gut Deutsch sprechen und die Kultur kennenlernen. Und wenn man die Leute hier respektiert, obwohl sie anders sind als Tunesier, bekommt man Respekt zurück. In Tunesien pflegen wir warme zwischenmenschliche Beziehungen. Viele Menschen sind auf den Straßen unterwegs, begrüßen sich, plaudern miteinander. Hier haben alle viel Arbeit und kümmern sich nur um sich und ihre Familie. Das muss man akzeptieren.

Meine Ansprechpartnerin Monika Lehmann von der Agentur context YELLOWS, die auf die Rekrutierung von Pflegekräften aus Tunesien spezialisiert ist, hat mir sehr dabei geholfen und mich moralisch unterstützt. Sie fragt nach meiner Mutter und motiviert mich, meine Karrierepläne umzusetzen. Dafür bin ich ehrlich sehr dankbar. Auch ihr Kooperationspartner Walid war eine wichtige Bezugsperson für mich. Er ist auch Tunesier und versteht mich gut.

Interview: Maja Schäfer

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